Treffen wir uns da, wo wir uns nicht finden

Eigentlich hat der folgende Text eine andere Illustration, aber ich finde diese passt besser. Der Text ist bereits mindestens 8 Jahre alt und das Bild nur ein paar Tage. Scheinbar beschäftigt mich das Thema immernoch.

 

vorbeiwartende

Treffen wir uns da, wo wir uns nicht finden

Einigen wir uns auf morgen. Vielleicht. Ein andern mal ist besser als jetzt. Mir passt es gerade nicht. Wenn du dich jetzt umdrehst, laufe ich weg. Mein Herz stottert. Dreh dich nicht um! Denn dein Rücken fordert kein Herauskommen aus meinem Versteck. Er ist einfach nur Rücken. Keine Ansprüche. Keine Forderungen. Einfach nur da. Die andere Seite dagegen macht alles kompliziert. Knieweichspülerkonzentrat. 180° Umdrehung pro Atemzug. Gehirnwäsche im Schonungslosprogramm. Wie konnte es soweit kommen? Ich trieb in meinem sicheren Boot dahin auf der Suche nach einem Hafen. In Wirklichkeit hab ich nicht gesucht. Ich hab mich nur gesehnt. Ich malte mir aus, wie der Hafen sein würde, wie riechen, wie aussehen und wie er mich verändern könnte. Wie meine alten, mit Unrat vollgestopften Koffer abhanden kämen und ich neue, gesunde geschenkt bekäme. Wie herrlich war es im Boot. In der Ferne sah ich einige Häfen, die ich hätte ansteuern können. Aber sie lagen alle im Halbdunkel.

Sie lockten zwar, aber nicht subtil genug. Sie loderten und ihre Leuchttürme sendeten Signale, die mich ängstigten. Wie sicher war es im Boot. Habe ich gedacht. Und dann rammte mich ein anderes Boot. Dein Boot. Aus dem Hinterhalt. Deine Blicke durchlöcherten Bug und Heck. Ich wurde schiffbrüchig. Aus den Trümmern klaubte ich mir ein Floß zusammen und trieb in deiner Strömung. Unfähig den Kurs zu ändern. Wenn du dich jetzt umdrehst, ist alles aus. Lass mir noch eine Weile deine Rückenansicht. Lass uns erst noch dort treffen, wo wir uns nicht finden. Bis ich genug Mut der Verzweiflung gesammelt habe. Bis ich gesundes Gepäck habe. Nur noch eine Weile die Ruhe vor dem Sturm.

 

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Warm und trocken ists im Sicherungskasten

gewitterkopfHeutzutage fällt selten der Strom bei ihm aus. Vor zwanzig Jahren kam es häufig vor. Gewitter und Sturm, Fluten und menschliches Versagen hüllten seine Welt ins Dunkel. Er war vorhanden. Er funktionierte gut. Bis zu den besagten Stromausfällen. Wenn die Umgebung an Farbe verlor, das Thermometer sank und der bemühte Kerzenschein der anderen ihn nicht in sein sicheres Zuhause zurückgeleiten konnte. Er verlief sich panisch. Wachte in der Fremde auf. Später zwang er sich zur Ruhe und wartete dort, wo er gerade war, bis alles vorüber war. Bis die Lichter angingen. Aber ein kalter Schatten schmiegte sich an ihn. Ließ ihn den Zustand nicht vergessen und vergrub tief in ihm die Möglichkeit, dass die Dunkelheit bleiben könnte. Für immer. Seit er in seinem Sicherungskasten wohnt, ist der Schatten atmungsaktiv. Er lässt nur soviel Strom fließen wie nötig. Und die Sicherungen werden regelmäßig kontrolliert. Manchmal wenn ihm die Luft dünn wird und er sich nach einem Stückchen Außenwelt sehnt, wünscht er sich einen Ausfall, nur für einen kurzen Moment, um den Sicherungskasten für richtig zu befinden. Aber der Strom könnte nicht mehr wiederkehren. Diesmal für immer.