Von Wänden und Türen

Die Türen

Zwei weiße Türen lauern in den Wänden. Ich beobachte sie. Von meiner Ecke aus habe ich beide im Blick. Sie dehnen sich aus, ziehen sich zusammen. Dehnen sich aus, ziehen sich zusammen. Ich höre sie atmen. ­Oder bin ich das?

Noch scheinen sie zu schlafen, aber ich kenne sie schon genau. Erst erwacht die linke und droht: „Gib acht! Gleich geh ich auf!“ Davon erwacht die rechte: „Pass gut auf! Gleich geht sie auf!“

Ich nehme mir vor, genau aufzupassen. Alle Moleküle in meinem Körper passen genau auf. Anspannung können sie genauso wenig ertragen wie ich. Sie fangen an zu tanzen. Werden immer schneller und wilder. Wirbeln umher unter meiner Haut. Ich will sie zur Vernunft bringen und schlagen, aber ich bewege mich nicht. Nur meine Gedanken bewegen sich. Steigen auf in einem leichten Nebel. Ich fokussiere die Tür. Der Nebel bildet Wolken. Sie formatieren sich langsam in meinen Augenwinkeln. Drängen sich in mein Blickfeld. Da öffnet sich die Tür. Ich schrecke zusammen mit dem gesamten Zimmer. Nur die Türen sind entspannt. Sie lachen: „Wir habens dir doch gesagt.“

Die Wände

Die weißen Wände ruhen in ihrem Grundriss. Ich habe vier von ihnen. Sie umgeben mich sorgsam. Tagein, tagaus.

Zur linken Wand habe ich ein spezielles Verhältnis. Sie ist immer dunkler als die anderen und überaus wortkarg. Aber ich mag das. Keine offenen Beurteilungen über mein Denken und Handeln, mein Aussehen und meine Wortwahl. Ich hatte mal einen Löffel geklaut und damit eine Mulde an einem versteckten Ort nahe meines Bettes in die Wand gekratzt. Wenn mir danach ist zu fluchen, flüstere ich die bösen Worte dort hinein. Die Wand erinnert mich an meinen Goldfisch, den ich früher hatte. Deswegen nenne ich sie Blubb. Bei Blubb habe ich die bösen Worte heimlich ins Wasser geflüstert. Meine Eltern meinten, er sei daran eingegangen.

Zur rechten Wand habe ich ebenfalls ein spezielles Verhältnis. Ein kleines Fenster direkt unter der Zimmerdecke lässt im Frühling manchen Vogelgesang hinein. Manchmal steht das Fenster ein wenig offen. Ich schiebe mein Bett dorthin, strecke mich, sauge die Luft ein und verteile einige Brotreste auf der winzigen Fensterbank. Ich hocke mich aufs Bett und warte. Jedesmal kommt tatsächlich ein Vogel. Die rechte Wand sagt: „Mach mal die Augen zu.“  Ich bin folgsam.

Im nächsten Moment liegt der Vogel tot und zerrupft auf dem Boden. „Es war die Wand!“ heule ich, „Ich war das nicht. Es war die Wand!“ Ich lerne nicht aus meinen Fehlern. Ich falle unentwegt auf die Spielchen der Wand herein. Sie erinnert mich an meine tote Katze. Deshalb taufte ich sie Maumau.

Die zwei Wände mir gegenüber sind mir sehr suspekt. Ich behalte sie lieber im Auge. Mich ignorieren sie. Wären da nicht ihre lachenden Türen, würde ich ihre Anwesenheit vielleicht auch einigermaßen verdrängen können. Doch haben sie ihre Ignoranzphase überwunden, sagen sie: „Wir meinen es doch nur gut.“ Erst die linke, dann die rechte. Dann zusammen im Chor, im Kanon. Meistens stimmen die Türen mit ein. Ich kehre ihnen dann einfach den Rücken zu. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Beinahe. Ich halte mir die Ohren zu, doch ihre Stimmen hallen in meinem Kopf wider. Sie sind wie meine toten Eltern. Deswegen heißen sie Heinrich und Erika.

Die Türen 2

Durch die Türen wird gekommen und gegangen. Warum es dazu zwei braucht, kapier ich nicht. Vielleicht bewohne ich ein ehemaliges Durchgangszimmer. Oder der Architekt war genauso ein Spinner wie ich und dachte sich „Eine Tür wäre einsam.“  Und was ist mit dem einzigen, kleinen, unschuldigen Fenster? Zählt das etwa nicht?

„Es hat ja noch die Gitterstäbe als Kameraden.“ sagt Erika. Damit soll es sich zufrieden geben? sage ich.

„Es hat einen pittoresken Ausblick in die Ferne.“ sagt Heinrich. Es ist ein goldener Käfig! brülle ich.

„Jaja. Ein magerer Ausgleich für die Einsamkeit.“ sagt Hans, der Türen-auf-und-zu-macher, der Raumbetreter, der Pillen- und Spritzengeber. Einer von zweien. Einer von vielen. Sie haben verschwommene Gesichter. Sie tragen alle weiß. Ich bin nur überzeugt davon , dass es mehr von ihnen gibt, weil von Zeit zu Zeit mehr als einer vor meinem Bett steht. „Hans und Hans“ nenne ich sie. Oder Hans, Hans und Hans. Je nachdem wie viele gerade versuchen, mich in den Griff zu bekommen.

„Ich bin gar nicht einsam. Und ich habe den Vogel nicht kaputt gemacht.“ sage ich, während sie mich mal wieder ans Bett schnallen.

„Gewiss nicht.“ lachen sie mit den Türen im Chor. Hans und die Türen sind derartig eingebildet. Nur weil sie wissen, was hinter den Türen ist. Ich könnte es auch wissen. Ich könnte mich erinnern, wenn ich mich nur richtig anstrenge.

„Pass auf, gleich geh ich auf!“ sagt die Tür. Und ich pass genau auf.

Die Decke

Hans und Hans würden sagen, die Decke sei weiß. Ich sage, sie ist ein Mikrokosmos, eine Seifenoper, ein Spiegel des Lebens.

„Wessen Leben?“ will Maumau wissen. Sie ist ja so neugierig. Ich hab keine Ahnung wessen Leben. Ich bin damit ehrlich. Wenn ich etwas nicht kapier, denke ich mir keine Wahrheiten zurecht. Jedenfalls nicht vor einer Wand. Wände merken, wenn man sie belügt.

Aus dem nebulösen Deckenweiß erheben sich Gestalten. Ich erkenne die Gesichter selten. Manchmal sind sie halb Mensch halb Tier. Sie reden miteinander. Untereinander. Übereinander. Voreinander. Und so weiter. Wenn sie mit mir reden, sage ich: „Ich sag nichts dazu.“ Werden sie zudringlich, schreie ich. Dann verkriechen sie sich. Im Hintergrund wölbt sich eine Landschaft, zu dekorativ um wahr zu sein. Ich sehe unglaubliche Orte. In diesem Zustand sind mir Wände egal. Mir sind Türen egal und einsame Fenster. Und kaputte Vögel.

Das Bett und der Boden

Das weiße Bett ist mein Floß. Auf ihm treibe ich den Amazonas entlang. Manchmal sumpfig. Manchmal wild.

Unter mir brodeln Piranhas. Über mir brütet die Sonne. Ringsum flüstert der Urwald. Das ist natürlich Quatsch. In Wirklichkeit flüstern die Wände. Mein Floß bleibt stecken. Meine Augenlider sind so schwer. Meine Kehle ist trocken und schmerzt. Mein Körper ist starr und wund. Das Floß ist mein Bett.

Die Matratze ist hart und weich. Das Gestell ist hart und kalt. Das Bett erinnert mich an meinen toten Freund. Also nenne ich es gelegentlich DU, denn ich habe vergessen wie er hieß.

„Du, jetzt liege ich auch mal oben. Aber jetzt lass meine Arme los. Und meine Beine. Ich will das nicht mehr. Hör auf! Lass mich los!“ denke ich lauthals. Mit ganzer Kraft löse ich mich aus seinem Griff und stürze zu Boden.  Der Boden ist nur eine Oberfläche. Eine dünne Membran durch die ich stoße. Und darunter ist nichts. Nur eine endlose Leere. Ich falle. Wie das kleine Mädchen, das dem Kaninchen ins Erdloch folgte. Wie hieß es noch? Ich habe es vergessen. Aber es landete irgendwann ganz sanft. Mein Aufprall ist noch lange hin. Um der unerträglichen Leere etwas entgegenzusetzen, werfe ich mich gegen die mich umgebenden Wände. Sie schreien nicht vor Schmerz und Wut, wenn ich sie mit meinem Körper schlage. Ich bin es, die da schreit. Die Türen erwachen. „Gib acht!“ rufen sie. Sie schlagen auf. Sie spucken aus: Hans und Hans und Hans und Hans und Hans und Hans und Hans und Hans und Hans und Hans…

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