Saugende Wände

schwulstscanDa drüben habe ich einmal gewohnt. Das Haus musste abgerissen werden. Weil es allmählich absackt, haben sie gesagt. Dafür wurde am Stadtrand ein neues gebaut. Als würde man ein vollgeschriebenes Tagebuch verbrennen und ein neues anfangen in der Hoffnung, alles würde sich ändern. Es brauchte nur wenige Jahre, um das neue Zuhause allmählich absacken zu lassen. Die Wände saugen alles auf. Fehler. Furcht. Schrecken. Gelächter. Wie das alte wird es schwerer und schwerer. Und nichts kann das Gewicht erleichtern.

Da drüben war ich mal zu Hause. Jetzt haben sie ein Einkaufszentrum auf die Trümmer gebaut. Ich war noch nie drinnen. Einmal hab ich volltrunken im Vorbeigehen einen schweren Stein ins Schaufenster geschmissen. Aber er hinterließ keine Spuren. Stattdessen ging die Alarmanlage los und ich sucht das Weite.

Dort drüben bin ich aufgewachsen. Manchmal stehe ich in meinen Träumen vor der Haustür und klopfe an. Aber niemand kommt, um mir zu öffnen. Dann betrete ich eigenmächtig den Flur. Er ist dunkel und leergeräumt. Es riecht schimmelig. Ich betrete erwartungsvoll jeden Raum. Aber alle Räume sind leer. Der Strom ist abgeschaltet. In meinem Kinderzimmer hat sich der Teppich mit Regenwasser vollgesogen. Das ganze Haus ist eine Bruchbude. Ein Trümmerhaufen. Natürlich musste es abgerissen werden. Wie ein kranker Zahn gezogen werden muss. Wie ein Geschwür entfernt werden muss. Aus solchen Träumen erwache ich mit Halsschmerzen.

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